Die Vorbereitung zur Wiederbesiedlung

Nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft und dem Kriegsende regten sich im Waldviertel Hoffnungen, daß das ehemalige Bauernland zurückgegeben würde und alle Zwangsentsiedelten wieder in ihre Heimatorte zurückkehren  könnten. Tatsächlich wurde bis 1955 auch eine hohe Anzahl von Rückstellunganträgen bei der Rückstellungskommission in Krems eingebracht.

Monika Döller und Friedel Moll ist die Erstellung einer präzisen Chronologie der Vorbereitungen zur Wiederbesiedelung zu verdanken:

Bereits am 20. Juni 1945, also 6 Wochen nach Ende des Krieges, gab es in Zwettl ein Treffen von österreichischen Politikern mit Offizieren der sowjetischen Besatzungsarmee, denen weitere Besichtigungen durch  Vertreter der Landeshauptmannschaft, der Landes-Landwirtschaftskammer und des Staatsamts für Land- und Forstwirtschaft folgten.

Die provisorische Regierung Österreichs faßte am 15. August 1945 den Beschluß zur Wiederbesiedlung des zwischen 1938 und 1942 zwangsentsiedelten Gebietes.

Am 30. August konstituierte sich in Zwettl die Überprüfungskommission zur Wiederbesiedlung des Tüpl Döllersheim, die die Anträge auf Wiederbesiedlung bearbeitete. Im September 1945 wurde vom Staatsamt ein  Arbeitsprogramm für 1946 erstellt, wonach beschädigte Häuser so schnell wie möglich wieder renoviert werden sollten. Zudem plante man, die stillgelegten Sägewerke im Aussiedlungsgebiet wieder in Betrieb zu nehmen,  um den neuen Ansiedlern bald wieder Bauholz für Ausbesserungsarbeiten zur Verfügung stellen zu können.

Die Wiederbesiedlung wird im Amtsblatt angekündigt

Am 29. November 1945 wurde im Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Zwettl angekündigt, daß die Besiedlung von den Randgemeinden ausgehen und sich allmählich den völlig entsiedelten Orten nähern sollte. In einem  Rundschreiben der niederösterreichischen Landeshauptmannschaft vom 6. Dezember 1945 wurde die Bevölkerung über die Vorgangsweise bei der geplanten Rückgabe der Grundstücke an die ehemaligen Besitzer informiert.

Am 7. Februar 1946 wurde im Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Zwettl der Beginn der Wiederbesiedlung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Döllersheim bekanntgegeben. Auf Weisung des Ministeriums für Land- und  Forstwirtschaft sollte im laufenden Frühjahr mit der Wiederbesiedlung der Ortschaften Brugg, Franzen, Klein-Motten, Kühbach, Ottenstein, Pötzles, Reichhalms, Schwarzenreith, Waldreichs, Wetzlas, Zierings sowie  einzelner landwirtschaftlicher Betriebe in Kienberg, Nondorf und Stift Zwettl und der Fürnkranzmühle begonnen werden. Die Grundstücke sollten - bis zur Sicherung der rechtlichen Grundlagen für die Übertragung der  Eigentumsrechte - zunächst in Form der Verpachtung vergeben werden.

Johann Winkler, der Bürgermeister der Stadt Zwettl, erklärte am 8. Mai 1946 in einer Festsitzung des Gemeinderates zum 1. Jahrestag des Kriegsendes den dringlichen Wunsch, daß uns dieses fruchtbare Gebiet von Seite  der Besatzungsmacht zur Verfügung gestellt wird, damit wir endlich mit der Bebauung beginnen können.  Dazu finden sich auch in diversen Zeitungen der Nachkriegszeit Artikel wie Döllersheim wird wieder  Bauernland.

Die Besatzungsmächte wurden von dem Vorhaben informiert, wobei auch die sowjetische Armee, die bis zu 60.000 Soldaten auf dem Truppenübungsplatz stationierte, dem Plan zunächst positiv gegenüberstand. So setzte  tatsächlich bald die Wiederbesiedlung der Dörfer in den Randgebieten ein, die jedoch nur für wenige Orte auf Dauer erfolgreich sein sollte.

Nach fast einem Jahr der Verhandlungen und Vorbereitungen für die Wiederbesiedlung wurde vom Oberbefehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen, Generaloberst Kurassow, am 27. Juni 1946 ein für das  Aussiedlungsgebiet folgenschwerer Befehl erlassen: das ehemalige Eigentum deutscher Institutionen wurde in den Besitz der Sowjetunion übergeführt. Der vormalige Truppenübungsplatz Döllersheim wurde den  USIA-Betrieben eingegliedert und zum sowjetischen Wirtschaftsterritorium erklärt. Das Gebiet sollte - zur Abdeckung eines Teils der Kriegskosten - für den Sowjetstaat möglichst hohen finanziellen Gewinn abliefern.  Damit war die erste große Chance zur Wiederbesiedlung des von der NS-Diktatur errichteten Truppenübungsplatzes zunichte.

Der Begriff Deutsches Eigentum verhindert die Wiederbesiedlung

Der Begriff Deutsches Eigentum verhinderte die Wiederbesiedllung des Truppenübungsplatzes Döllersheim und förderte den Abbruch der meisten Häuser auf diesem Gebiet bis auf die Steinmauern, sowie den Abbruch der  meisten Ortskapellen und von den drei ehemaligen Pfarrkirchen ebenfalls bis auf die Steinmauern.

Augenzeugenberichte und eine ausführliche Darstellung zu diesem Thema finden sich im Buch von Margot Schindler:

Im 45er Jahr hat es geheißen, man soll sich melden, man kann wieder zurück. Man soll einen Anspruch erheben auf Wiederbesiedlung. Das hat man dann gemacht. Da hat man Stempelmarken gebraucht und hin und her. Da haben  sich schon viele gemeldet. Und auf einmal hat es geheißen, nein, es wird nicht mehr freigegeben.

Als Bewerber kamen in erster Linie die Aussiedler selbst in Frage beziehungsweise deren Söhne, weiters aber auch Niederösterreicher und insbesondere Waldviertler, die fachlich geeignet, also Bauern waren und  politisch absolut unbelastet.

Auch das Denkmalamt schaltete sich ein, als es in Erfahrung gebracht hatte, daß eine Wiederbesiedlung des Truppenübungsplatzes geplant war. Es ersuchte die Bezirkshauptmannschaft, sich bezüglich einer Reihe von  Baudenkmalen wie Kirchen, Kapellen, Bildstöcken und bemerkenswerten Bauernhäusern mit ihm in Verbindung zu setzen. Doch es sollte anders kommen.

Sowjetisches Wirtschaftsterritorium

Ein Beschluß der Potsdamer Konferenz vom Sommer 1945 besagte unter anderem, daß jeder der Alliierten in seiner Besatzungszone über das dort befindliche deutsche Eigentum verfügen könne. Im Juni 1946 erließ der  sowjetische Oberbefehlshaber in Österreich den sogenannten Befehl Nr. 17, der besagte, daß sämtliche im östlichen Österreich befindlichen deutschen Vermögenswerte mit sofortiger Wirkung in das Eigentum der  Sowjetunion übergingen. Davon waren Fabriken, Handelsunternehmen, Erdölfelder und Raffinerien und auch der Truppenübungsplatz Döllersheim betroffen. Er blieb nun in seiner Funktion als Übungsplatz für das Militär  erhalten und wurde daneben aber auch als Wirtschaftsterritorium genützt. Man betrieb die Land- und Forstwirtschaft weiter, die Forstwirtschaft in Form eines ungeheuren Raubbaues an den Wäldern. Man verpachtete die  leerstehenden Häuser, und bald setzte ein schwunghafter Handel mit Baumaterialien unter der benachbarten Bevölkerung ein. Während der gesamten Zeit der Besetzung durch die Deutsche Wehrmacht waren die entsiedelten  Ortschaften zum größten Teil unbeschadet geblieben. Unter den neuen Verhältnissen begann nun ein wahrer Ausverkauf. Der Truppenübungsplatz galt zwar weiterhin als Sperrgebiet, aber ...bei den Russen, da hat dich der  Posten für eine Flasche Schnaps neben dem zugemachten Schranken hereinfahren lassen.

Schon während der ersten Zeit nach Kriegsende, als man noch an Wiederbesiedlung dachte, begannen erste Plünderungen auf dem Übungsplatzgebiet. Die Bezirkshauptmannschaft Zwettl versuchte durch eine Verlautbarung im  Amtsblatt vom 20. Dezember 1945, dem entgegenzuwirken. Man verbot ausdrücklich die Entnahme von Baustoffen aus verfallenen Gebäuden und drohte mit Anzeigen wegen Diebstahls. Die Besatzungssoldaten hatten wegen des  Ausverkaufs von Ziegeln und Holz, ja von ganzen Häusern, verständlicherweise weniger Bedenken. Heute wird im Umkreis des Truppenübungsplatzes hinter vorgehaltener Hand mit vorwurfsvollem Tonfall von dem und dem  gesprochen, der sein Haus mit Baumaterial vom Übungsplatz errichtet hätte. Sicherlich mag es manch ungerechtfertigte Bereicherung gegeben haben, aber man muß auch die Lage vieler kleiner Landwirte, Handwerker und  Arbeiter bedenken, die nach dem Kriege in einer wirtschaftlich schlechten Lage waren. Ein authentischer Bericht möge dies verdeutlichen:

... Gleich nach dem Krieg sind wir abgebrannt, sieben Häuser ... dann haben wir mit den Russen abgehandelt. Wir sind hinüber in die Kommandantur, und da haben wir sie halt soviel bitt´, ob wir nicht vom Übungsplatz  Ziegeln herauftun können, Dachziegeln. ... wir haben ihnen gegeben ein Keibal (Anm.: Kalb) und eine Kuh, und die Nachbarin auch ein Lampal und a Kalm. ... Wir haben jedenfalls einen Schein kriegt dafür, daß wir  Ziegeln heruntertun dürfen. ... Da haben wir von einem Dach über 3.000 Wienerberger Dachziegel heruntergetan, und wir haben uns recht g´freut.

Nächsten Tag ... waren die ganzen Ziegeln g´stohlen. Die haben die Russen bei der Nacht aufgeladen, und um einen Wein haben sie´s nochmals verkauft. ... Na und ich und die Nachbarin sind am nächsten Tag wieder  hinunter und haben dann von Perweis einen Stadl abgedeckt. Das waren auch noch recht gute Ziegeln. Die haben uns dann auf d´Nacht die Russen selber hinaufgeführt, damit sowas nicht mehr passiert....

Ziegel gegen Schnaps

Im Jahre 1947 dürften die meisten Häuser abgetragen worden sein. So erzählt der Schneidermeister Anton Jonas, früher Döllersheim 94, jetzt Groß-Globnitz 71, in dem Video-Film Dörfer ohne Schatten: Mein Haus ist  abgerissen worden von Friedersbacher und Mitterreither Bauern am Pfingstsonntag und - montag 1947. Bis hinunter wurde alles weggeputzt. Da steht überhaupt nichts mehr. Das war ein richtiger Ziegelbau. Die haben mit  der russischen Kommandantur da abgehandelt mit Lebensmitteln und Geld halt auch und sie haben es gekriegt.  Ähnlich am Dürnhof bei Stift Zwettl: Als die Sowjets am 10. April 1947 das Militärlager am Dürnhof  auflösten und es ihrer Wirtschaftsverwaltung USIA übergaben, wurden auch die Nebengebäude und Baracken abgetragen und an die Zivilbevölkerung verkauft.  Die Abtragung der Wirtschaftsgebäude des Dürnhofs habe  ich als Kind im Jahre 1947 von Gradnitz aus gesehen. Mein Vater und ich fuhren von Unter-Windhag über Klein-Wolfgers und Gradnitz nach Zwettl. Von Gradnitz sieht man sehr gut auf den Dürnhof hinüber. Er sagte damals  zu mir: Dort drüben reißen Leute, die gar keine Schande haben (die sich nicht schämen), den Dürnhof ab.

Und als letztes Beispiel: Karl Fröschl, der einzige Aussiedler, der nach der Aussiedlung im Mai 1993 auf dem Friedhof in Döllersheim (nach vielen Hürden) bestattet worden ist, hat gesehen, wie die Russen mit einem  Dreiachser und einem Drahtseil das Dach des Kirchturms von Döllersheim heruntergerissen haben. Das dürfte erst nach 1950 geschehen sein. Denn laut Pfarrer Leopold Wiesinger, Rastenfeld, hatte das Hauptschiff der  Kirche Anfang der 50er Jahre noch ein Gewölbe, ein paar Stückl waren halt schon ein wenig durchgebrochen. Das Dach war halt schon hin.

Das Bundesheer verweist heute auf den ruinösen Bauzustand der Ortschaften bei Übernahme des Übungsplatzes im Jahr 1957. Rudolf Wagnsonner, Übungsplatz-Kommando: Es ist eine irrige Meinung, daß die Ortschaften, die  heute alle nicht mehr vorhanden sind am Tüpl - am meisten ist noch von den ehemaligen Kirchen vorhanden - zusammengeschossen wurden. Es war ursprünglich ein Übungsplatz der Deutschen Wehrmacht von 1938 bis 1945. Von  1945 bis 1955 war die Sowjetarmee hier. Sie hat sich - wie überall in Niederösterreich - auch am Truppenübungsplatz entsprechend eingenistet. In den letzten Jahren oder um die 50er Jahreswende hin hat ein  Schleichhandel begonnen - es hat im gesamten Bundesgebiet keine Baumaterialien gegeben. Die Russen haben Häuser um Weinfässer verschachert an eigene Leute. Es ist Tag und Nacht gefahren worden. Das Ganze hat sich so  weit entwickelt, daß man in den ersten 50er Jahren gegen Bezugsscheine Baumaterial kaufen konnte.  

Etwas anders verhält es sich dabei jedoch mit den Kirchen und den anderen Sakralbauten, vor denen die Zivilbevölkerung - auch in Zeiten der Not- Respekt hatte.

Nach der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags am 15. Mai 1955 begann die sowjetische Besatzungsarmee mit dem Abzug vom Übungsplatz Döllersheim. Der letzte Besatzungssoldat verließ den Übungsplatz bzw.  die Kommandantur, das Amtshaus in Allentsteig, in der Nacht zum 17. September 1955. Das Gebiet wurde der Republik Österreich zurückgegeben, das Bundesministerium für Finanzen bestellte am 12. Dezember 1955 die  Niederösterreichische Landesregierung zum öffentlichen Verwalter. Auch jetzt gab es wieder Hoffnung auf eine Wiederbesiedlung und Kultivierung entsprechend den Plänen von 1945/46, es wurden aber auch Pläne für eine  internationale Universität bzw. einen Forschungsreaktor im Aussiedelungsgebiet diskutiert.

Da die Landschaft und die Ortschaften des Aussiedlungsgebietes nach den neun Jahren der Ausbeutung durch die Sowjets schwer devastiert waren, konnte im Parlament lange Zeit keine Einigung in dieser Frage erzielt  werden. Rückkehrwilligen Aussiedlern wurde laut Staatsvertrag das Recht zugestanden, bis zum 27. Jänner 1956 ihre Rückstellungsansprüche geltend zu machen. Bis Dezember 1955 wurden bei der Rückstellungskommission in  Krems 650 Anträge eingereicht - d.h. rund die Hälfte der zwangsentsiedelten Familien war zur Rückkehr bereit, während manche ihre in mittlerweile 17 Jahren neu aufgebaute Existenz nicht aufgeben wollten bzw. andere,  die durch die Aussiedlung den Großteil ihres Besitzes verloren hatten, eine Rückstellung des verfallenen Anwesens und des zu rekultivierenden Bodens als zu große Belastung empfanden.

Pflüge statt Kanonen

Im August 1956 wurde den Aussiedlern - anläßlich der 800-Jahrfeier von Allentsteig - der Besuch ihrer alten Heimat ermöglicht. Daß viele ihren früheren Besitz - wenn überhaupt - nur noch als Ruine oder verwilderten  Acker erkennen konnten, hatte erschütternde Szenen zur Folge. Dennoch blieb die vehemente Forderung nach der Wiederbesiedlung des Gebietes bestehen. In Döllersheim soll wieder der Pflug regieren!, Die Stadt, die ihr  Hinterland verlor: Allentsteig braucht etwas, um leben zu können, Wenn Recht zu Unrecht wird, Döllersheim kein neuer Truppenübungsplatz lauteten die Überschriften der lokalen Printmedien. Der Bauernbündler  berichtete am 25. August 1956 in seinem Leitartikel Modernste Bauernsiedlung Europas? Bauernland muß wieder in Bauernhand kommen über die Jubiläumsfeier in Allentsteig und die von NRAbg. Strommer verlangte  Neubesiedelung. Auch das Kirchenblatt der Diözese St. Pölten stand hinter der Forderung nach der Wiederbesiedlung: Im Waldviertel selbst fände man jede andere Lösung unnatürlich! ... Die Kirche wird mit ihren  geistigen und materiellen Kräften an der Seite jener Mutigen stehen, die ihre Hände ans Werk legen.  

Für die Neuvermessung des Geländes aufgrund fehlender Grenzsteine und Feldraine, die Wiederherstellung der von Militärfahrzeugen ruinierten Straßen und die notwendige Säuberung von Sprengkörpern waren Zeit und  beträchtlicher finanzieller Aufwand zu veranschlagen, was bei einigen Politikern und beim Militär auf Kritik stieß. Neben der agrarischen Wiederbesiedlung wurden auch Vorschläge für einen exterritorialen  Universitätsstaat oder die Errichtung eines Atomforschungsreaktors bei Pötzles erörtert.

All diese Überlegungen wurden zunichte gemacht, als mit Bescheid des Bundesministeriums für Finanzen am 9. Mai 1957 das vom NS-Regime entsiedelte Gebiet im Interesse der Landesverteidigung dem österreichischen  Bundesheer übergeben wurde .

 

Deutsches Unrecht wird österreichisches Recht

In dem im Gedenkjahr 1988 entstandenen Film Erinnerungen an ein verlorenes Land von Manfred Neuwirth gab Dr. Hermann Withalm (ÖVP), 1955 Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen und Verwaltung bzw. mit dem  Verkauf des deutschen Eigentums befaßt, Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, warum nach 1955 trotz Rückstellungsanträgen keine Wiedergutmachung geleistet und keine Wiederbesiedlung durchgeführt wurde: Das  Bundesheer hat jedenfalls massiv damals ins Treffen geführt, es ist absolut notwendig, den ganzen Übungsplatz, wie die Deutschen ihn hatten, wieder zum Leben zu erwecken bzw. ihn bestehen zu lassen. Auf der anderen  Seite natürlich das massive Verlangen derer, die vertrieben worden sind, wieder zurückkehren zu können. Und da ist eine Interessensabwägung dann zustandegekommen bzw. ein Kräftemessen zwischen Bundesheer bzw. Land  Niederösterreich in erster Linie - und gesiegt hat letzten Endes im großen und ganzen das Bundesheer.  

Am 28. April 1959 erhielt die Windhagsche Stipendienstiftung - auf Betreiben der Niederösterreichischen Landesregierung - den südlichen Teil des Übungsplatzes im Ausmaß von rund 3.000 ha - dreimal soviel wie vor dem  Krieg.

Ein Wiedererstehen der Pfarre Döllersheim wäre noch in den Jahren 1957 - 1959 möglich gewesen, wenn die Südgrenze des Übungsplatzes nördlich von Döllersheim angelegt worden wäre und die Orte Flachau, Döllersheim,  Brugg und Zierings wiederbesiedelt worden wären. Besonders leicht wäre die völlige Wiederbesiedlung des Ortes Flachau gewesen: Flachau hatte im Jahre 1956 (!) noch siebzig Einwohner.

Österreich hätte ... niemals in so unverantwortlicher Weise altes Bauernland für Zwecke eines derart großräumigen Truppenübungsplatzes herangezogen. Diese Maßnahme entsprang  lediglich dem Machtdünkel des großdeutschen Reiches und der nationalsozialistischen Zielsetzung ...
Dr. Christelbauer, Rückstellungskommission beim Landesgericht Krems,  Rückstellungsurteil Reichersdorfer, Mestreichs, vom 5. Juli 1947, zitiert nach Friedrich Polleroß, 1938. Davor - Danach, S. 313

Noch am 28. November 1955 war bei einer Besprechung im Bundesministerium für Finanzen festgestellt worden, daß die Rückstellungskommission die Güter im Döllersheimer Gebiet - gemäß dem 3. Rückstellungsgesetz vom 6.  Februar 1947 - für rückstellungspflichtig erachtete. Durch das am 10. Juli 1957 in Kraft tretende 3. Staatsvertragsdurchführungsgesetz wurden jedoch alle in den letzten Jahren rechtskräftig gewordenen  Rückstellungsbeschlüsse nachträglich ungültig. Die Aussiedler sollten für eine Rückstellung innerhalb von zwei Wochen den Nachweis erbringen, daß bei der Entziehung ein deutsches Gesetz mißbräuchlich angewendet oder  daß der Eigentümer wegen politischer Verfolgung zum Verkauf gezwungen worden wäre.

Bei den Aussiedlern herrschte Enttäuschung und Verbitterung, denn die Republik Österreich übernahm zwar sehr gerne den Truppenübungsplatz Döllersheim, für angemessene Entschädigungszahlungen an die Betroffenen sorgte  sie allerdings nicht. Einerseits wurde sie zum Besitznachfolger des Dritten Reiches und Nutznießer des von den Nationalsozialisten begangenen Unrechts, andererseits wies sie aber alle Entschädigungsforderungen als  Nicht-Rechtsnachfolger zurück.

Am 9. August 1960, fast genau am 22. Jahrestag des ersten Scharfschießens der Deutschen Wehrmacht, wurde der Übungsplatz durch die Sicherheitsdirektion für das Land Niederösterreich zum ständigen Sperrgebiet erklärt.  Im Dezember 1964 wurde - rückwirkend mit 1. Jänner 1964 - das nunmehr in Truppenübungsplatz Allentsteig umbenannte Areal, das seit 1. April 1941 zur Bildung des Heeresgutsbezirkes Truppenübungsplatz Döllersheim aus  den Gemeinden ausgegliedert worden war, wieder auf die Nachbargemeinden aufgeteilt.

Aussiedlung sogar noch nach 1960

Während und nach dem Krieg waren mehrere entsiedelte Ortschaften von Zweitsiedlern bewohnt. In Pötzles wohnten Aussiedler aus Südtirol. Auch die Orte Steinbach, Wurmbach, Neunzen, Edelbach, Flachau und Waldreichs  wurden wieder von heimatlosen Menschen bewohnt. Deren Aussiedelung fand zum Teil erst nach 1961 statt, in Flachau sogar erst um 1970 (!), also lange Zeit nach dem Österreichischen Staatsvertrag.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des Kalten Krieges keimte ab 1989 neue Hoffnung bezüglich des Sperrgebiets im Herzen des Waldviertels. Nicht zuletzt in Allentsteig hoffte man, basierend auf  wissenschaftlichen Analysen der Raumplanungg und der Wirtschaftsuniversitäten, auf eine Verkleinerung des Schießplatzes, um den wirtschaftlichen Sonderproblemgemeinden rund um das entsiedelte Gebiet neue  Entwicklungschancen, u.a. in Richtung sanfter Fremdenverkehr ( Naturpark, Friedenswallfahrtszone) zu geben.

Von Seiten der militärischen Dienststellen wird demgegenüber immer wieder der Truppenübungsplatzes in seiner - de facto seit der NS-Zeit - bestehenden Form als unverzichtbar verteidigt. In jüngster Zeit hat sich das  Übungsgeschehen im Waldviertel - auch unter Beteiligung ausländischer Truppen - wesentlich verstärkt, viele Waldviertler fürchten eine weitere Zunahme von Lärm-, Verkehrs- und Umweltbelastung durch militärische  Übungen von NATO- oder EU-Truppen auf dem durch das NS-Regime geschaffenen Areal. Seit Juli 1996 wird - aufgrund einer neuerlichen Novellierung des Sperrgebietsgesetzes und erstmals in vier Jahrzehnten als  Bundesheer-Übungsplatz - der militärische Teil der entweihten Heimat mit Hundepatrouillen bewacht.

 

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... und über das Gebiet rund um Döllersheim:   www.allentsteig.at   www.walthers.at
 

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